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08 Sep 2015

Die Evolution der “Funk Zone” vom Industriegebiet zu Santa Barbaras Hipster-Stadtteil

Vox Orbis / 08 Sep 2015 Place

Foto: Ein Wandbild von Elkpen, das die örtlichen Weinanbaugebiete Santa Barbaras zeigt und als Landkarte dient, ziert das Valley Project, eine der zahlreichen Weinstuben in der Funk Zone. Robbie Stewart schenkt Amy Balliett (rechts) und Jessica Trejo (links), zwei Besuchern aus Seattle,Wein ein. Gail Fisher/Vox Orbis

Synopsis von Chloé Frommer, Kulturanthropologin: Die durch Gentrifizierung hervorgerufenen Veränderungsprozesse, die der Autor Ted Mills in den vergangenen fünf Jahren in Santa Barbaras Funk Zone dokumentiert hat, zeigen eine klare Progression: es wird definiert, welche Sorte von Menschen, Dingen oder Produkten erhalten bleiben und welche letztendlich weichen müssen. Und doch, das ist Kultur: immer an einem Ort verwurzelt, aber auch durch vielfältige, sich überlappende und zeitweise widersprechende Sichtweisen räumlich und örtlich differenziert.

Ted Mills

Es ist gar nicht allzu lange her, da war die Funk Zone in Santa Barbara noch ein gut gehütetes Geheimnis: Grunge-Kultur im Industriegebiet. Noch vor ein paar Jahren rollten Sattelschlepper, vollgeladen mit Baumaterial, regelmäßig die Yanonali Avenue hinunter. Ruß und Abgase hingen in der Luft und vermischten sich mit dem Gestank von Fisch und anderem Meeresgetier, welche in einer nahegelegenen Fabrik verarbeitet wurden. Maschinen brummten hinter geschlossenen Rolltoren oder brüllten aus offenen Fabrikhallen. Tagsüber sah man ein geschäftiges Treiben in den Industriebetrieben und Künstlerateliers. In diese bekam man nur Zutritt, wenn man die Künstler kannte oder wenn man etwas kaufen wollte.

Am Abend spielte sich das Leben in zwei Lokalen ab, wobei je nach Wochentag immer nur eins davon geöffnet war. Nachdem der Schwung der Abendessengäste verköstigt war, blieb im Bay Café die Bar geöffnet für die Spätfeierabendler wie mich. Wenn man dann abends das Café verließ, trat man hinaus in die feuchtkalte Meeresluft, hinaus in eine Geisterstadt mit spärlicher Straßenbeleuchtung. Um die Ecke, ein paar Straßen weiter, lag schon der Pazifik und an manchen Nächten hörte man das laute Gekläff der Seeotter.           

Foto: Das Santa Barbara Surfing Museum auf der Helena Avenue wurde 1992 gegründet, damals, als die Funk Zone laut Ted Mills noch ein “ gut gehütetes Geheimnis” war, eine Gegend mit “Industriebetrieben und Künstlerateliers”. Gail Fisher/Vox Orbis

Seit 2005 komme ich immer wieder in die Funk Zone. Zu dieser Zeit gehörte Red’s Coffee Shop, das damalige In-Café, eher noch zur State Street, der Haupteinkaufstraße Santa Barbaras. Als jedoch Red’s als Bar im Jahr 2009 neu eröffnet wurde, ging es Schlag auf Schlag: Beim Erkunden der Funk Zone per Fahrrad fiel mir auf, dass immer mehr Künstler ihre Ateliers öffneten für interessierte Besucher. Es wurde zu Partys und zu Events geladen. So langsam lernte ich die Einheimischen kennen. Municipal Winemakers, zwar nicht die erste Weinkellerei in dieser Gegend, aber sicherlich die angesagteste, eröffnete im selben Jahr.

Ein paar Jahre später hat sich alles verändert. Die Funk Zone ist nun ein lebendiges Stadtviertel, in dem sich die Weinstuben, Restaurants und Bars aneinander reihen. Es gibt Live-Musik und die Menschen kommen in Scharen. Aber auch die Künstler sind immer noch da. Sie versuchen, ihren Platz zu finden und zu überleben in ihrem alten Kiez, der von der Gentrifizierung unaufhaltsam überrollt wird. Die Mieten steigen weiter an, immer mehr Ateliers weichen neuen Geschäften.

Foto: Einige Geschäfte in der Funk Zone in Santa Barbara. Hier sieht man the Blue Door, ein Kunsthandlung, die Werke von lokalen Künstlern zur Schau stellt und auf drei Etagen Vintage-Kollektionen und moderne Sammlungen zeigt. Gail Fisher/Vox Orbis

Im Jahr 2012, nicht lange nach dem bejubelten “Focus on the Funk Zone Kulturevent im Oktober, überschlug sich dann auf einmal alles. Die Künstler öffneten ihre Ateliers, während sich die Bars und Weinkeller erhofften, neue Besucher anzulocken. Eine Straße wurde abgesperrt und ein Straßenfest wurde organisiert. Das Viertel begann sich zu verändern und fiel letztendlich seinem eigenen Erfolg zum Opfer.

Ich konnte es beobachten. Der Kiez wurde zum angesagten Reiseziel. Es gab Artikel in der L.A. Times und, jawohl, in der New York Times.

Was die Funk Zone eigentlich darstellt für ihre Besucher, ist genauso nebulös, wie die genaue Festlegung der Straßen, die ihre Grenzen bezeichnen. Manche schätzen die Weinstuben, beinahe ein Dutzend davon, die Weinproben anbieten und allesamt zu Fuß erreichbar sind. Viele der ansässigen Künstler zählen zu meinen Freunden und für mich ist die Funk Zone eine Kollektion von Ateliers und Galerien, ein Ort, an dem ich mich mit Freunden treffen kann, entfernt vom Touristenschwarm und doch mittendrin, wenn wir uns im Red’s verabreden zu einem Bier, beim Lucky Penny einen Kaffee trinken oder die Mittagspause im Metropulos verbringen.

Und dann gibt es natürlich noch all die anderen Etablissements: Ein Fitnessstudio, eine Metzgerei, die bald auch belegte Brote anbieten wird, eine Tierfutterhandlung, eine Autowerkstatt, ein Hostel und einen Strip-Club.

Foto: Thomas Blumer, (Mitte vorne) trainiert mit einer Gruppe von Fitnessenthusiasten beim CrossFit gym auf der Gray Avenue in Santa Barbaras Funk Zone. Gail Fisher/Vox Orbis

Meiner Meinung nach gehört alles, was an der südlichen Grenze zur Zone entlang der State Street liegt, nicht zur Funk Zone. Sorry, Hotel Indigo! Sorry, Nuance Restaurant! Nicht alle werden mir hier zustimmen, sicherlich nicht diese beiden Etablissements. Ebenso ist Cabrillo Boulevard in Richtung Osten und direkt am Meer viel zu touristisch, um funky zu sein. Und was für einen Unterschied ein paar Meter auf der Helena Avenue ausmachen, wo der Fahrradverleih nicht funky ist, ohne Zweifel aber das Surf Museum, welches auf jeden Fall einen Besuch wert ist.

Foto: The Blue Door befindet sich auf der Yanonali Street in Santa Barbaras Funk Zone und zeigt auf drei Etagen Vintage-Kollektionen und moderne Sammlungen, wie zum Beispiel die Arbeit in Öl auf Leinwand vom in der Funk Zone ansässigen Künstler Michael Armour, die am Eingang des Ladens hängt. Gail Fisher/Vox Orbis

Santa Barbara Arts Fund ist in dieser Gegend die älteste Galerie und ich will hier nicht verschweigen, dass ich zum Vorstand gehöre. Die Galerie zeigt Werke von Künstlern aus Santa Barbara und Umgebung, weiterhin werden hier auch junge Künstler mit sachkundigen Mentoren zusammengebracht. Die monatlich wechselnden Ausstellungen zeigen die ganze Palette der zeitgenössischen Kunst, die vor Ort produziert wird. Viele der Künstler sind Nachbarn. Dann gibt es noch die Gone Gallery, die flippige Galerie, die vom Künstler Skye Gwilliam, aka “GONE”, geleitet wird, dessen verwegene Grafiken und Street-Art-Stil auf vielen Wänden, Telefonmasten und auf Straßenschildern zu sehen sind. Gleich gegenüber befindet sich die WallSpace Gallery, die auf Fotografie spezialisiert ist. Philip Koplins und Dan Levins Atelier liegt ganz versteckt in einem ehemaligen Kühlhaus. Während Ersterer mit verschiedenen Medien auf Papier arbeitet, erstellt Letzterer täglich aufs Neue fantasievolle Assemblagen. Einen Block weiter befindet sich in einem etwas klapprigen Schuppen, einst der Fischereiindustrie zugehörig, das Outdoor-Fotografie-Studio von Lindsey Ross. Sie benutzt alte Kameras, um Portraits im Tintype-Stil zu schießen. Natürlich gibt es noch viel mehr an Kunst zu entdecken in der Funk Zone und ich entschuldige mich bei allen, die ich an dieser Stelle ausgelassen habe.

Es scheint, dass in der Funk Zone die Gastronomie oft im Vordergrund steht, an den vielseitigen kulinarischen Köstlichkeiten kommt man einfach nicht vorbei. Von Mony’s Taqueria bis zum noblen The Lark, der Sirenengesang dieser Etablissements kann von weither gehört werden. Die häufig eher versteckten Künstlerateliers und Galerien und nicht zu vergessen, die Innendesign-Showrooms MichaelKate und Cabana Home, die gleichzeitig als Galerien fungieren, werden mitunter einfach übersehen.

Obwohl die Künstler sich über hohe Mieten beklagen, haben in diesem Sommer zwei neue Galerien eröffnet: GraySpace und Gallerie Silo, wobei beide an entgegengesetzten Enden der Gray Avenue liegen. Der Funk Zone Art Walk, der alle zwei Monate am vierten Freitag des Monats stattfindet, bietet eine gute Gelegenheit, all die Künstler kennenzulernen, die mit ihrer Kreativität die Funk Zone immer wieder neu beleben. Das Viertel entwickelt sich weiter und es verändert sich, aber das Ende ist nicht in Sicht, denn es ist hier, in der Funk Zone, wo das eigenwillige Herz Santa Barbaras schlägt.

Foto: Sacco Nazloomian, ein Weinenthusiast aus Goleta, genießt eine abendliche Weinprobe beim The Valley Project in der Funk Zone Santa Barbaras. Gail Fisher/Vox Orbis


Ted Mills für Vox Orbis, 2015 /  übersetzt von Eva Nagel